OLYMPIA ROT

Analoge Fotografie | handcoloriert
2014 | 120x80cm | 23x15cm

MARIA MAGDALENA PRESSEL | Human blood is all one colour

Oft mit nicht viel mehr bekleidet als einer Vintage Maske, spielt Marko Zink mit dem Thema Erotik und Selbstdarstellung der Männer. Dabei enttarnt er homo- und heterosexuelle Klischees und zeigt gnadenlos deren immer noch diskriminierende Schattenseiten unserer Gesellschaft auf, indem er die Brücke zur Konzeptkunst schlägt. Chatprotokolle aus einschlägigen Chatrooms, in denen er sich im Vorfeld einloggt und die Reaktionen der Chatroom-User auf seine stereotypen Nicknames, bilden die Vorlage für die jeweilige Darstellungsweisen. Der in Auseinandersetzung mit den Chatanfragen entstandene Kalender provoziert die Frage, ob diese Gesellschaft auch in 100 Jahren gleich agieren würde. Zink zieht daraus den für ihn scheinbaren (logischen) Folgeschluss; der aus diesem konzeptuellen Ansatz geborene Titel „100-jährige Bauernkalender“ wird zur bitteren Ironie. Doch der Künstler hält der Gesellschaft nicht nur einen Spiegel vor, indem er Vorurteile aufdeckt, sondern indem er anstrebt, eben diese aufzulösen. Die nackten Körper handkoloriert in der Farbe des Blutes, versinnbildlichen einerseits das über allen stehende, verbindende Element der Menschheit, andererseits dokumentieren sie die Stereotypen, wie auch Brutalität und Rohheit der Chats aufgrund simpler Nicknamen.

ESTHER MLENEK | Olympia

In koketter Haltung persiflieren die von starren Gesichtsmasken anonymisierten Männer die Jungbauernkalender und enttarnenen das darin entworfene Konzept von Erotik als groteske Modernisierung und Neuerfindung einer schwülstigen Heimatromantik.

WOLFGANG HUBER LANG | Interview mit Marko Zink | Ich möchte den Kreis schließen zwischen Malerei und Film | Der Vorarlberger Künstler Marko Zink im Gespräch über seine neue Serie „Olympia“

Q: Marko Zink, haben Kalender schon früher in Ihrem Leben eine Rolle gespielt?

A: Immer schon. Es fing damit an, dass mein Großvater immer diesen Hundertjährigen Bauernkalender mit Weisheitssprüchen und Bauernregeln hatte. Der hatte so ein praktisches Format, das in die Hosentasche gepasst hat. Und meine Oma hatte einen Abrisskalender fürs ganze Jahr, wo jeweils hinten ein Rezept war, ein „Liebe ist…“-Spruch, ein Aphorismus oder etwas Ähnliches. Wenn meine Oma etwas gut gefunden hat, hat sie das abgerissen und mir auf den Frühstücksteller gelegt. Damit bin ich aufgewachsen. Vielleicht findet man diese alten Kalender bieder, aber irgendwie haben sie Charme.

Q: Vor einigen Jahren fand die alte Kalenderform plötzlich spielerisch Einzug in die Werbe- und Alltags-Kultur von heute. Ich denke natürlich an die Jungbauernkalender, die bald dutzendfach variiert wurden. Das gemeinsame Element ist dabei immer die Verbindung von nackter Haut und bestimmten Berufsgruppen. Was davon hat als Echo Eingang in Ihre „Olympia“- Serie gefunden?

A: Diese Kalender sind auf den ersten Blick irrsinnig amüsant. Angeblich kaufen das ja auch heterosexuelle Frauen. Diese Kalender sind, da kann man sagen, was man will, natürlich nichts anderes als eine gewisse, sehr vordergründige Art von Pornografie – mit phallischen Gegenständen und nackten Oberkörpern. Ich wollte ganz stereotypisch auf diese Richtung eingehen. Wobei ein entblößter männlicher Oberkörper weniger sexuell wahrgenommen wird als ein entblößter Frauenkörper.

Q: Nacktheit wird in der Serie sehr verschieden eingesetzt, auch sehr unterschiedlich explizit. Wie war das Konzept dabei?

A: Mit expliziter Nacktheit werden zwei Figuren gezeigt. Ich bin in verschiedene Chats eingestiegen und habe mehrere Alias angenommen, das war eine lustige aber produktive Sache für die Serie. Die meisten expliziten Fragen, wie groß das Gemächt ist, waren bei den Alias „Black Male“ und bei „Sergeant“ bzw. „Bundesheertyp“. Deshalb hab ich genau die dafür ausgewählt. Wichtig ist dabei: Wer meine Arbeiten so nimmt, wie sie sind, ist vielleicht etwas auf dem Holzweg. Meine Arbeiten spielen alle mit einer gewissen Art von Ironie und Witz. Durch mein Studium der Literatur kam ich irgendwann nicht um die Komödientheorien herum – von Aristophanes bis zu Dürrenmatt. Die Ironie in ihren Werken hat mich begeistert, weil sie in keine Schublade passt. Man muss meine Arbeiten nach dem ersten Ansehen ruhen lassen. Wenn man sie dann nochmal anschaut, bemerkt man hoffentlich den Witz – und dann ist auch das Konzept da. Das ist bei dieser Serie für mich das Allerwichtigste. Kunst stellt für mich immer die Frage: Warum? Warum stört mich etwas an einem Bild? Kunst, bei der mit mir nichts passiert, finde ich weniger spannend. Es ist nichts schlimmer, als wenn dich ein Bild in Ruhe bzw kalt lässt.

Q: Die „Olympia“-Serie besteht aus 13 Sujets. Für was stehen diese 13 Positionen?

A: Die Serie ist eine Zäsur in meiner Arbeit. Früher hab ich mit Verstecken gespielt, jetzt geht es das erste Mal um Rollenbilder. Der Ausgangspunkt liegt lange zurück, aber er hat mich nicht in Ruhe gelassen. Der hoch gelobte Film „Brokeback Mountain“ hatte im Kino standing ovations erhalten. Für mich war es aber ein Ärgernis, dass die Geschichte in die 60er Jahre versetzt wurde, weil man damit vorgaukelt, dass es schwule Cowboys in Texas heutzutage besser hätten. Da kann ich nur dreimal darüber lachen. Es wäre mutiger gewesen, das in der Jetztzeit spielen zu lassen. Meine Serie aktualisiert und ist zugleich zeitlos. „Olympia“ nimmt Bezug auf die heroischen Darstellungen der Sportler der Antike, diese gestählten Körper. Und ich wollte diese Körperästhetik, diese Olympioniken herunterholen und dabei ins Heute versetzen.

Q: Man sieht zwar einen Fußballer, einen Reiter und einen Tennisspieler, aber dennoch geht es nicht immer um Sportler.

A: Es geht um Rollen, die zuweilen einen sehr klaren Männlichkeitsbezug haben. Der Militär, der Holzhacker, der Jäger, der Cowboy etwa. Aber auch z.B. der Gärtner, der in den Krimis von der Nouvelle Vague bis zu Hitchcock ja meist der Mörder ist. Es gibt immer Attribute, die entweder auf einen Phallus hinweisen oder das Rollenbild neutralisieren, wie etwa ein Dyson-Staubsauger. Oder ich lasse den Cowboy eine sehr feminine Pose einnehmen, in der er sein Bein abwinkelt und seinen Stiefel hält. Es gibt genug Fotografen, die den perfekten männlichen Körper zeigen, mit stählernen Muskeln und offenen Hemden. Genau das wollte ich unbedingt bekämpfen.

Q: Was sind das für Modelle, die da mit Masken posieren?

A: Es ist immer derselbe: Es sind alles Selbstporträts. Nur habe ich einmal vorher viel Sport gemacht, ein anderes Mal viel gegessen am Tag des Shootings. Die Werbewelt prägt ja dieses schlanke und sportive Bild des Menschen. Da denke ich mir oft: Was tut man uns an mit diesem Körperkult? Den kennt man ja auch aus ganz anderen Zeiten, man denke nur an Leni Riefenstahl. Deshalb finde ich die Masken so spannend. Das ist nicht die erste Serie, die ich mit Masken mache, und auch die Modewelt ist voller Masken. Bei mir kommt das eigentlich aus der Schaulust, aus der Zirkushaftigkeit heraus. Für mich war es stimmig, Masken auszuwählen, die Stereotypen verkörpern und außerdem Vintage-Masken sind. Damit hat z.B. der Asiate oder der schwarze Mensch eine Berechtigung. Das gab es alles bei den Faschingsumzügen meiner Kindheit. Ich selber bin als Punk gegangen…

Q: Wie fügt sich „Olympia“ mit seiner Mischung aus Installation, Konzept und Fotografie ein in Ihr bisheriges Werk?

A: Mir ist das Talent des Malers nicht gegeben. Irgendwann musste ich so ehrlich sein und sagen: Das macht keinen Sinn. Früher in Vorarlberg war ich als Autor tätig, denn Literatur hat mich immer fasziniert. Durch Ingo Springenschmid bin ich zur Fotografie gekommen und hab am Anfang gar nicht verstanden, was Konzepte sind. Ein wunderschönes Porträtfoto war Kunst. Eine schöne Landschaftsaufnahme war Kunst. Bis ich mich dann eingelesen habe in Kunstgeschichte und Fotografiegeschichte. Heute weiß ich, dass Kunst und Konzept eine Einheit bilden müssen: Um zu verstehen, warum ich fotografiere, ist es wichtig zu wissen, dass die Fotografie – auch von Susan Sontag her, die einmal pro Fotografie, einmal gegen Fotografie war – immer diesen Ruf hatte, dass sie die Malerei verwässert hat: Die Fotografie kam und jeder konnte plötzlich Künstler werden. Ich hab Fotografie immer als eigenständiges Kunstmedium gesehen. Sonst müsste man ja dem Film, der sich aus der Fotografie gelöst hat, genauso seinen Kunstcharakter absprechen. Die Malerei hat allerdings den Benefit, dass man mit Farben, mit Perspektiven spielen kann. Deshalb habe ich versucht, die Fotografie malerischer zu machen. Ich koche daher den Film und habe früher so ein richtiges Rezeptbüchlein gehabt. Mittlerweile habe ich es im Griff, wie lange man einen Film mit einer gewissen Iso-Zahl kochen muss, um einen gewünschten Effekt zu erzielen. Dadurch sind die Farben so extrem, dass es fast schon ausschaut wie Digitalfotografie. Dabei ist alles analog, auch nicht manuell nachbearbeitet. Sie müssen mittlerweile jedoch gescannt werden, weil ich sie in einer bestimmten Größe nicht mehr abziehen kann. Und ich muss auch deshalb die Negative zur Datensicherung scannen, weil sie durch das Kochen nach einer gewissen Zeit zerfallen. Die narrative Fotografie, diese inszenierte Fotografie ist so groß geworden in den letzten Jahren, dass ich für mich genau definiert habe, warum ich die Narration gewählt habe: um die Fotografie in eine Ecke des Films zu bringen. Wie das Foto ausschaut, könnte es vielleicht Malerei sein – aber der Inhalt könnte etwas Filmisches sein. Ich möchte den Kreis schließen zwischen Malerei und Film.

Q: Haben Sie mit Selbstauslöser gearbeitet oder mit Assistenten?

A: Beides. Auch deshalb, weil es vier Kurzfilme geben wird. Filmen ist seit 2010 bei mir dabei. Pro Kalender-Quartal gibt es einen Kurzfilm, vom Gärtner gibt es einen, vom Jäger, vom Asiaten und vom Tennisspieler. Die Fotos wurden gleichzeitig mit dem Film gemacht. Es gab jeweils nur eine Einstellung, das sind alles One-Shots. In einem Fall hat es aber 30 Takes gebraucht, weil ein Flugplatz in der Nähe war, und wir mit dem Fluglärm zu kämpfen hatten. Das war mühsam ohne Ende. Da hab ich gedacht, ich werde nie einen ganzen Spielfilm produzieren können. Dabei würde ich das eigentlich sehr gerne machen.

Q: Der US-Künstler Matthew Barney inszeniert Filme, die mit Ihren Arbeiten die Mischung aus Künstlichkeit und Theatralik und Inszenierung gemeinsam haben. Man weiß nie genau, wo man ist, aber man weiß: Die Realität ist es nicht.

A: Die Serie hat von der Farbgebung etwas Surreales. Nicht umsonst habe ich mich in dieser Arbeit auch auf die Nouvelle Vague bezogen, die ohne Studiolicht ausgekommen ist. Bei gewissen Elementen könnte man glauben, dass die Serie oder Teile davon, in den 50er Jahren gemacht wurde. Indoor hätte die Serie für mich auch nicht funktioniert. Mir geht es um privat-öffentlich. Die Jungbauernkalender, um auf sie zurückzukommen, spielen meist im öffentlichen Raum – aber so inszeniert, dass man lachen muss. In meiner „Schwimmer“-Serie habe ich mit Kleidungsstücken Naturmomente inszeniert: Ein Kleid schwimmt im Wasser und erinnert dabei an eine Muschel. Das war sozusagen ein Darwin-Bezug: Woher haben wir uns entwickelt? In „Olympia“ kommen die Götter ins Spiel, die Herrscher über Mensch und Tier waren. Hier ist der Naturbezug offenkundig, weil es sich oft um sehr biedere ländliche Umgebung handelt und natürlich Berufe wie Bauer und Holzhacker eher in einer Naturidylle angesiedelt sind.

Q: Haben die Shootings keinen Skandal bei den Anrainern ausgelöst?


A: Ich fand es spannend, etwa Fußball- oder Tennisplätze auszuwählen, und dort auch bewusst zu riskieren, dass Leute dabei zuschauen. Das war auch eine Herausforderung für mich: Wie weit kann ich gehen? Diese Serie war für mich irrsinnig gewagt. Ich hatte Schwierigkeiten, als Nan Goldin die von ihr gewählte private Familie fotografiert hat, bis hin zu den ausgemergelten Körpern der HIV-Kranken. Ich fand es unfassbar gut, dass da nichts mehr inszeniert war. Aber sie hat sich davon ausgenommen und sich nicht selbst fotografiert – bis zu dem Moment, wo sie von ihrem Partner geschlagen wurde. Die Serie hat sie „Ballade von der sexuellen Abhängigkeit“ genannt. Die fand ich hervorragend. Ich habe gedacht: Irgendwann muss ein Künstler offenbar in seinem Leben die Hüllen fallen lassen und alles auf sich selber projizieren. Und das habe ich in „Olympia“ jetzt auch getan.

PUBLIKATION

STEHKALENDER – TISCHKALENDER | siehe hierzu → PUBLIKATIONEN | Olympia: 100-jähriger Bauernkalender | zu bestellen bei: Galerie Michaela Stock